Sommerferien in Israel – Wenn Kinder zu Hause sind und die Welt brennt

Sollen die Antisemiten toben – wir haben hier Sommerferien. Und kein einziges stilles Kind.

Heute wurden wir zwar nicht von einem Raketenalarm geweckt, aber ich bin trotzdem total schlapp. Es ist wahrscheinlich die Hitze, die auch nachts kaum nachlässt. Jetzt ist es 9 Uhr am Morgen und es ist bereits 28 Grad heiß, unsere zentrale Klimaanlage läuft auf Hochtouren, aber mehr noch als die Hitze, bringen mich meine Kinder ins Schwitzen, denn sie:

  • hängen gelangweilt zu Hause herum
  • werfen ihre Spielsachen durch die Gegend
  • laden Freunde ein, die noch mehr Unordnung machen
  • wollen den ganzen Tag nur Süßigkeiten
  • streiten sich dauernd
  • klopfen alle 5 Minuten an meine Tür, um etwas Unwichtiges zu fragen
  • benutzen sämtliche Gläser und Teller
  • aber räumen es nicht weg
  • laufen den halben Tag im Schlafanzug herum
  • haben dauernd Schmerzen, Beschwerden, Aua und Bubu

Ich habe sicherlich einige wichtige Punkte vergessen, aber die obige Liste sollte für einen ersten Eindruck reichen.

Die Sommerferien begannen vor 23 Tagen und dauern noch 40 Tage bis Anfang September – das sind noch 960 Stunden, oder 57.600 Minuten! Ich darf mich nicht beschweren, denn die Kinder halten mich fit. In den letzten 12 Minuten bin ich drei Mal aufgestanden, weil jemand an meine Tür klopfte. Das könnte man als halbe Kniebeuge zählen und im Laufe des Tages kommt da einiges zusammen.

Ein Paradies der Ruhe

Ich habe bemerkt, wie sehr mir die Fitness durch meine Kinder fehlt, als die fitteste Ehefrau von allen mit den drei Mädchen für einige Tage in Tiberias war. David und ich waren vier Tage alleine zu Hause und wir haben die Ruhe sehr genossen. Ich hatte jedoch Probleme, nachts einzuschlafen, wahrscheinlich weil ich nicht so erschöpft war wie normalerweise. Der Kampf mit den Kindern, wenn wir sie ins Bett bringen, macht mich immer total fertig, ich könnte ebenfalls um acht Uhr ins Bett gehen. Diese Erschöpfung hat mir während meines Urlaubs von den Kindern gefehlt, ich war einfach zu entspannt, um einzuschlafen.

Jetzt bin ich überhaupt nicht entspannt, aber dafür sehr müde, allerdings während des gesamten Tages. Gut, dass ein Handwerker gerade hier ist und unser Waschbecken im Badezimmer mit einem Hammer aus der Wand bricht. Das hält mich wach. Die Kinder hatten einen Riss ins Waschbecken gebrochen, den wir mit Silikon zugeklebt hatten, aber nach dem zweiten Riss hielt es nicht mehr und ein großes Stück Waschbecken brach heraus. Nach fast zwei Wochen ist heute endlich der Handwerker hier und tauscht das Waschbecken aus.

Neues im Volk

Der Krieg in Gaza nimmt kein Ende und fast täglich sehen wir Bilder von jungen Männern, die in der Hölle des Gazastreifens gefallen sind. Letzte Woche fiel ein junger Mann aus Bet Shemesh, dessen Eltern wir flüchtig kannten.

Die Regierung unternimmt nun verstärkte Maßnahmen, um die Charedim zum Wehrdienst zu bewegen. Als ich vor einiger Zeit mit dem Bus aus Jerusalem nach Bet Shemesh fuhr, hatte der Bus auf der Autobahn eine Panne. Während wir an einer Bushaltestelle auf den nächsten Bus warteten, stoppte ein Polizeiwagen neben uns. Die zwei Polizisten riefen einen chassidischen jungen Mann zu sich, der mit uns anderen dort herumstand. Wir warteten etwa eine halbe Stunde auf den nächsten Bus und als wir schließlich einsteigen konnten, hatte der junge Chassid einen Zettel in der Hand, wahrscheinlich seinen Einberufungsbescheid.

Die charedischen Parteien in der Regierung haben sich währenddessen in eine Sackgasse manövriert. Sie bestehen nach fast zwei Jahren Krieg weiterhin darauf, dass ihre Jungs nicht in der Armee dienen müssen, wofür es beim Rest der Bevölkerung kein Verständnis gibt. Auch die Politiker wissen, dass die Parteien Shas und UTJ nur bluffen und haben nicht auf ihre Drohung, die Regierung zu stürzen, reagiert.

Die Charedim haben nun die Koalition verlassen, aber sind in der Regierung geblieben, oder anders herum, eine Talmudkunst, die ihresgleichen sucht, aber im Grunde hat sich nichts verändert. Sie wissen genau, dass sie keine bessere Regierung als die aktuelle erhalten werden.

Die Welt liebt Juden

Im Ausland scheint das Leben für Juden immer gefährlicher zu werden. Ich sehe immer öfter Videos von Übergriffen auf Juden, von gewalttätigen Demos für „Palästina“, von Fake News und Lügengeschichten über den Krieg in Gaza und Israel allgemein.

Seit kurzem hat auch ein alter türkischer Schulfreund von mir auf Facebook seine Liebe für „Palästina“ entdeckt. Zuerst postete er ein Video aus Spanien, wo ein Restaurantbesitzer eine Gruppe israelischer Touristen aus seinem Lokal vertreibt und dabei „Free Palestine“ schreit. Mein (ehemaliger) Freund freute sich über diesen „Widerstand“ des Spaniers, aber es hätte doch sein können, dass diese Israelis mit der israelischen Politik überhaupt nicht einverstanden sind und ebenfalls für ein freies Palästina sind. Sollte man Türken aus Restaurants vertreiben, wenn Erdowahn wieder einmal etwas anstellt?

Später postete mein Freund folgendes Bild auf Facebook, das ich nicht so ganz verstehe. Auch hier könnte man jedoch anmerken, dass diese Länder zuerst Bomben und Raketen und Drohnen auf Israel abgefeuert haben und die deutsche Staatsräson mit der ganzen Geschichte nichts zu tun hat.

Aber wenn es um Juden geht, sind Fakten und Logik egal, besonders in der muslimischen Welt. Man bekommt den Eindruck, als wären viele muslimische Stimmen in Europa und Nordamerika von einem brennenden Judenhass durchzogen – jedenfalls auf Facebook. Es gibt kaum moderate Stimmen aus diesem Teil der Gesellschaft, ganz zu schweigen von Verständnis oder Unterstützung für den jüdischen Staat, was besonders nach dem 7. Oktober das moralisch einzig Richtige ist.

Baruch Haschem (Gesegnet sei Gott) haben wir Israel, wo wir während dieser globalen Welle des Judenhasses in relativer Ruhe leben können. Wir müssen nicht nach Spanien reisen, wir haben eigene schöne Strände und wir müssen uns nicht mit Antisemiten auseinandersetzen, ob persönlich, oder im Internet. Sollen sich die Antisemiten ruhig über uns aufregen, wir in Israel haben gerade Sommerferien und müssen uns mit wichtigeren Problemen auseinandersetzen.

Passenderweise klopft es gerade an meine Tür, es ist Zeit für meine halbe Kniebeuge. Bis zum nächsten Mal.

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Michael Selutin
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