Geschichten aus der Synagurke: Heiliger Hering!

Was machen Juden am Schabbat eigentlich so lange in der Synagoge?

Als wir vor einigen Jahren von Jerusalem nach Bet Shemesh gezogen sind, gab uns ein Nachbar eine Stadtkarte, auf der die Synagogen der Umgebung vermerkt waren. In unserem Stadtteil alleine gab es anscheinend über 30 Synagogen, von denen einige direkt nebeneinanderstanden.

Für meine Gebete während der Woche wählte ich die Synagoge, die unserer Wohnung am nächsten lag, aber für den Schabbat und die Feiertage, wenn die Gebete länger und häufiger sind, wollte ich eine finden, in die ich gut hineinpasse. Da Juden so lange in verschiedenen Teilen der Welt gelebt haben, haben sich ebenso viele Traditionen entwickelt, die in den verschiedenen Synagogen in Israel ausgelebt werden können. Hinzu kommt, dass die Juden nicht nur regional getrennt waren, sondern auch scheinbar in verschiedenen Zeiten lebten und leben. Es gibt Gemeinden, die noch im 17. Jahrhundert zu leben scheinen, andere tragen etwas modernere Kleidung und wieder andere haben keine erkennbare gemeinsame Tradition.

Ich gehöre zur letzten Gruppe, denn als Baal Tschuwa (ein Jude, der zum Glauben zurückgekehrt ist) habe ich keine Traditionen überliefert bekommen. Ich hätte natürlich ein Chassid oder ein Litvak werden oder sogar einer jemenitischen Gemeinde beitreten können, aber irgendwie war das alles nicht so mein Ding.

Glücklicherweise fand ich nach einigen Wochen in Bet Shemesh eine Synagoge, in der es keine Kleider- und Kippaordnung gab. Es gab dort Männer mit Streimeln und chassidischen Mänteln, andere trugen gehäkelte Kippas und Flip-Flops, wieder andere trugen einen klassischen schwarzen Anzug und eine Samtkippa. Die meisten Besucher der Synagoge sprachen englisch und der Rabbiner begrüßte meinen Sohn David und mich mit einem starken Londoner Akzent. Das war ein großer Pluspunkt, denn mein Hebräisch ist nicht sehr gut.

An den folgenden Schabbatot ging ich immer wieder in diese Synagoge, anstatt weitere auszuprobieren. Ich fühlte mich dort wohl, der Gottesdienst war angenehm und die bunte Mischung der Menschen machte das Erlebnis noch interessanter. David und ich sind nun seit unserem fünften Schabbat in Bet Shemesh treue Mitglieder der Pilzno-Gemeinde.

Nach dem Gebet wird gegessen

Eine Tradition haben fast alle Gemeinden gemeinsam, egal woher und aus welcher Zeit sie stammen: den Kiddusch.

Wenn am Schabbatmorgen das zweistündige Gebet um 10.30 Uhr beendet ist, stellt sich der Rabbi ans Podium und spricht über ein halachisches (jüdisches Gesetz) Thema. Rabbi Gerzi ist Mitte 40 und hat einen trockenen britischen Humor, der sich auf unsere Gemeinde übertragen hat. Noch bevor der Whiskey serviert wird, machen einige Gemeindemitglieder „lustige“ Zwischenrufe während der Rede, wie „stell dich doch bitte auf einen Hocker, wir sehen dich nicht!“ (der Rabbi ist etwas kleingewachsen), oder „kannst du das nochmal auf Amerikanisch sagen?“ (die meisten Besucher der Synagoge sind Amerikaner).

Gleichzeitig bereiten einige Freiwillige die Synagoge für das Kiddusch-Mahl vor. Tische werden zusammengeschoben, Tischdecken werden ausgebreitet und Besteck wird ausgelegt. Wir sind vielleicht die einzige Synagoge in Israel, die aus Umweltgründen kein Plastikgeschirr für den Kiddusch benutzt, sondern fast echtes Porzellan, was neue Gäste meist sehr beeindruckt.

Wenn auf der Männer- und Frauenseite die Tische gedeckt sind, wird der heiße Tscholent von zwei Trägern in einem riesigen Topf hereingebracht. Jakob, unser Meisterkoch zaubert jede Woche einen leckeren Tscholent für uns, den Syshe, unser chassidischer Heringspezialist, in kleinere Behälter schaufelt und sie auf den Tischen verteilt. Dazu gibt es Syshes Hering, einige Cracker, einen Kartoffelkugel, Kuchen, Gemüse und Whiskey.

Der Rabbi beendet seine Rede wenn die Tische vollständig beladen sind, denn alle sind hungrig und hören dann schon nicht mehr zu. Jetzt kommt der eigentliche Kiddusch, der Segen für den Wein. Rabbi Gerzi trinkt keinen Alkohol und bekommt deswegen einen Silberbecher mit Traubensaft vorgesetzt.

„Ich denke an euch, denkt an mich!“ ruft Rabbi Gerzi vor dem Segen, damit er für uns alle gültig ist (lange Geschichte). „Gepriesen seist Du, Herr, unser Gott, König des Universums, der die Frucht des Weinstocks hervorbringt“ sagt der Rabbi und nimmt einen Schluck aus dem Becher. Alle rufen Amen, sprechen die Segenssprüche für die verschiedenen Lebensmittel, die sie sich auf ihre Teller geschaufelt haben und beginnen zu essen.

Es gibt aschkenasische Spezialitäten wie den heißen Tscholent, Hering mit Crackern, Kartoffelkugel und Kuchen. Zum Herunterspülen wird eine Flasche Whiskey mit kleinen Plastikbechern herumgereicht.

Themenpark

Die Männer verteilen sich beim Kiddusch an mehreren Tischen und auf der Frauenseite wurden ebenfalls Tische zusammengeschoben, an denen vorher gebetet wurde. An den Tischen geht es meist um die gleichen Themen. Am Tisch des Rabbi wird über seine vorherige Rede und andere religiöse Themen gesprochen, während am Tisch nebenan der Reservesoldat Menasche sitzt, der uns über die neuesten Entwicklungen im Norden berichtet.

Schon am 7. Oktober 2023, als wir alle in unserer Synagoge Simchat Torah feierten, wurde Menasche in den Norden einberufen, wo er seitdem immer wieder stationiert wird. Einmal kam er hinkend und mit einem verbundenen Arm in die Synagoge und wir alle umschwärmten ihn noch während des Gebets, um mehr darüber zu erfahren.

„Ach, es ist nichts, keine Sorge“, sagte Menasche nur.

Während des Kiddusch erzählte er uns schließlich, was passiert war.

„Wie ihr wisst, bin ich mit meiner Einheit in den Libanon einmarschiert und wir gehen in die Dörfer und durchsuchen die Häuser und die Umgebung nach Waffen und Sprengsätzen. Da Eingänge oft mit Sprengfallen versehen sind, gehen wir nie durch Türen, sondern schießen ein großes Loch in die Mauer und kriechen dort hindurch. Als ich durch solch ein Loch kroch, ist die Mauer über mir eingebrochen und ist auf mich gefallen. Zum Glück war sie nicht sehr groß und ich habe nur einige Quetschungen.“

„Ah, jetzt kannst du also endlich deinen Reservedienst beenden und ein normales Leben führen.“ Sagte jemand zu ihm.

„Hä, nein, wieso? Ich gehe nächste Woche zurück,“ antwortete Menasche.

„Le Chaim!“ Rief ein anderer und wir stießen auf unseren Helden Menasche an.

Israelische Soldaten im Einsatz im Libanon.

Am nächsten Tisch sitzt oft ein Nachbar von mir, der als Journalist für die Times of Israel arbeitet und hier wird über Politik diskutiert. Wir haben in unserer Synagoge keine großen politischen Meinungsverschiedenheiten, wir beschweren uns gerne über die Regierung, die hohen Preise im Land und die internationale Politik. Wir sind uns alle einig, dass wir in Israel einen Donald Trump brauchen, der den Sumpf in der Armee, der Bürokratie und der Wirtschaft bekämpft und unsere Feinde besiegt.

Der letzte Tisch auf der Männerseite wird fast vollständig von einer Familie besetzt, denn hier sitzt Nathan, der mit seinen fünf Söhnen in die Synagoge kommt. Für Andere gibt es kaum Platz an diesem Tisch und obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass sich Nathan gerne mit jemandem außerhalb seiner Familie unterhalten möchte, setze ich mich nie zu ihm. Seine Kinder schwirren dauernd um ihn herum und mit solchen abgelenkten Vätern kann man keine vernünftige Unterhaltung führen.

Meine drei Töchter kommen übrigens nicht zum Kiddusch in der Synagoge, da es dort kaum Süßigkeiten gibt und sich deswegen „nicht lohnt“.

Vom Essen zum Essen

Gegen 11.30 Uhr mache ich mich leicht angeheitert auf den Heimweg. Zu Hause wartet das eigentliche Schabbatmahl auf mich. Da ich vor dem Gebet nicht frühstücke, bin ich beim Kiddusch hungrig, aber ich versuche nur wenig zu essen, um zu Hause noch Appetit zu haben. Ob ich beim Kiddusch viel oder wenig esse, hängt jedoch vor allem davon ab, wie gut der Tscholent beim Kiddusch war und wie schlecht der ausfallen wird, den ich selbst für das Schabbatmahl vorbereitet habe.

So lecker sieht mein Tscholent nie aus.

Auf dem Heimweg stelle ich mir vor, wie ich gut gelaunt von der Synagoge nach Hause komme, wo ich von der entspanntesten Ehefrau von allen und fröhlichen, gut gekleideten Kindern in einer sauberen Wohnung empfangen werde.

Manchmal passiert das sogar, aber meistens finde ich einen großen Balagan aus Barbies, Lego und anderen spitzen Spielzeugen vor, der erst einmal aufgeräumt oder mit dem Fuß zur Seite geschoben werden muss, um überhaupt an den teilweise gedeckten Tisch zu gelangen.

Gut, dass ich bereits gegessen und einige Le Chaims getrunken habe, denn beim Schabbatmahl ist der Familienvater, der gut gelaunt und gut informiert für Unterhaltung und Erziehung sorgen muss, wie ich hier beschrieben habe.

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2 Antworten

  1. Diesen Rabbi finde ich beeindruckend. Er spricht so voller Überzeugung und mit Feuer. Die Geschichte von Adam + Eva habe ich schon oft gelesen. Bei den Ausführungen des Rabbi frage ich mich: Wie soll ich das verwirklichen? Ich muß mich also immer wieder anstrengen und bemühen. ?? Kann ich auf Erfolg hoffen?

    1. Schalom Christa,
      ja es ist eine ständige Arbeit, die niemals endet. Der Rabbi erzählt uns jede Woche diese Dinge, weil man niemals Perfektion erreicht, aber ständig daran arbeiten muss.
      Jeder kleine Schritt auf dem Weg zur Selbstvervollkommnung ist ein Erfolg, da man damit sich und seine Umwelt verbessert.

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