Heute beginnt der jüdische Monat Adar, der ein besonders glücklicher Monat in unserem Kalender ist. Die Weisen von Zion sagten, man solle seine Simcha, also Freude, Glücklichkeit, Zufriedenheit im Adar vermehren, die im Purim-Fest seinen Höhepunkt finden wird.
Purim beginnt am Abend des 2. März und die Kinder sind schon mit ihren Verkleidungen beschäftigt. Sarah und Racheli wissen noch nicht, als was sie gehen werden und zerbrechen sich ihre Köpfchen. Sarah hatte vor zwei Wochen Bat Mitzwa und könnte schon zu groß für eine Verkleidung sein, während Racheli wahrscheinlich erst einmal herausfinden wird, was ihre Freundinnen so tragen werden, bevor sie sich entscheidet.
Naomi hatte schon vor langer Zeit beschlossen als Oreo-Keks zu gehen. Keine Ahnung wie sie auf diese Idee kam und wie sie ihr Kostüm kreieren will, aber ich respektiere ihren Mut.

Unser großer David verkleidet sich schon lange nicht mehr. Er wird Purim wahrscheinlich in Jerusalem verbringen und die andere Mitzwa des Tages erfüllen, nämlich sich zu betrinken.
Woher kommt die Freude?
Ich verkleide mich auch nicht. Manchmal setze ich mir eine lustige Mütze auf, oder eine Perrücke mit Rastalocken, aber die Mädchen finden das nicht lustig. Sie reißen mir dann die Kopfbdeckung herunter, schauen sich um und flüstern: „Papa, du bist peinlich!“
Es ist aber nicht nur die Diktatur meiner Töchter, die es mir schwer macht, Simcha zu spüren. Es scheint, mein Standartgefühl ist nicht besonders freudig, eher neutral, mit einem leichten Hauch von Melancholie. Ich muss mich anstrengen, um Freude in mir aufkommen zu lassen und diese Aussicht macht mich wieder traurig.
Dabei ist Simcha ein wichtiger Teil des gesamten jüdischen Lebens. Bereits Mose weist das Volk an, ihren Dienst mit Freude zu erfüllen: „Und alle diese Flüche werden über dich kommen und dich verfolgen … Dafür, daß du dem Herrn, deinem Gott, nicht gedient hast mit fröhlichem [Simcha] und bereitwilligem Herzen…“ (5. Mose, 28:47)
Natürlich würden uns die weisen Rabbis nicht ohne eine Anleitung zur Generierung von Simcha zurücklassen. Der Rambam zum Beispiel schlägt vor, ein Gläschen Wein zu trinken und etwas Leckeres zu essen. Aber leckeres Essen bedeutet mehr kochen und auf Wein am Morgen habe ich irgendwie keine Lust.

Rabbi Gerzi von meiner Synagoge hat einen anderen, eher spirituellen, Ansatz. Er erklärt, man soll sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, seinen Atem beruhigen, sich über seinen Körper bewusst zu werden und sein Ich spüren. Die Seele ist von Natur aus glücklich, aber wird von allen möglichen Störungen überdeckt, Sorgen über die Zukunft, Traumata aus der Vergangenheit. Wenn man diese störenden Hüllen abwirft, kommt man zur reinen, glücklichen Seele, die direkt mit dem Schöpfer verbunden ist. Um das zu erreichen kann man verschiedene Atem- und Meditationsübungen durchführen, die wir am Schabbat vor dem Gebet in der Synagoge regelmäßig üben (wer das lernen will, kann mich hier für eine Stunde mieten).
Im Prinzip funktioniert diese Meditation wie eine aus dem fernen Osten, nur dass die jüdische Meditation im Grunde dort beginnt, wo die Fernöstliche endet. Diese versucht nämlich, eine innere Leere zu erreichen, was sehr gut ist. Die jüdische Meditation versucht ebenfalls die Leere zu erreichen, aber füllt sie dann mit Göttlichkeit, was viel besser ist.
Noch besser als Meditation ist jedoch, sich von der natürlichen Simcha der Kinder anstecken zu lassen und das werde ich heute tun. Wir werden zu einer Fledermaus-Höhle in unserer Nähe wandern und das schöne Wetter (20 Grad Sonnenschein) genießen. Auf dem Rückweg werde ich die Kinder mit einem Eiskaffee glücklich machen und mir vielleicht auch einen erlauben. Wenn der Adar vorbei ist und ich nicht mehr glücklich sein muss, kann ich eine Diät machen, um meine Glückspfunde wieder loszuwerden.


