Die letzten Tage waren wirklich sehr spannend in Israel, wahrscheinlich war nur im Iran noch mehr Action als hier. Nach einer relativ ruhigen Nacht, kann ich nun den Nachrichten über Israel meine persönliche Sicht hinzufügen.
Nach wochenlanger Anspannung über einen möglichen Angriff der USA gegen den Iran, war es wieder einmal an einem Schabbat endlich soweit. Ich sage endlich, weil man sich in Israel bewust war, dass dies unsere Chance ist, unseren Erzfeind auszuschalten, der die Terrorgruppen in unserer Nachbarschaft befehligt. Viele hatten befürchtet, Trump würde sich von den Iranern um den Finger wickeln lassen, aber Baruch Haschem, er hat schließlich doch zugeschlagen.
Schabbat im Bunker
Die vorsichtgiste Ehefrau von allen hat unser Bunkerzimmer bereits seit Wochen auf den Schabbat vorbereit, am dem der Iran uns mit Raketen beschießen würde. Wir haben 20 Wasserflaschen, Snacks, dicke Socken und viele andere wichtige Dinge vorbereitet, so dass wir es am Schabbat relativ bequem hatten.

Freundlicherweise ließ uns das Militär dieses Mal ausschlafen (den letzten Irankrieg begann die israelische Luftwaffe um drei Uhr nachts) und der Raketenalarm ertönte erst um 8.10 Uhr am Morgen, gerade als ich zur Synagoge gehen wollte.
An diesem Schabbat wurde auch der Abschnitt aus der Thora gelesen, der von Amalek handelt, dem Volk, das die Israeliten in der Wüste angriff, kurz nachdem sie aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden. So wie unsere heutigen Feinde, hatte das Volk Amalek keinen Grund uns anzugreifen, aber tat es, obwohl es keine Chance hatte, zu gewinnen. Zwischen zwei Alarmen lief ich zur Synagoge, um die Lesung zu hören. Es macht schon einen Eindruck, wenn man in der Bibel über diesen Krieg liest, während man selbst unter Raketenbeschuss ist. Wir spüren, dass unser Leben in Israel ist die Fortsetzung der alten Geschichten ist.
Denn dieser irrationale Hass auf das jüdische Volk lebte seitdem in verschiedenen Völkern wieder auf, zurzeit sind es große Teile der muslimischen Welt, die man in Israel als Amalek bezeichnet. Über diesen ewigen Judenhass sprachen wir auch mit den Kindern während des Schabbat-Mahls, das mehrmals durch Sirenen und Aufenthalte im Schutzraum unterbrochen wurde.

Mit der Challah in der Hand und der Cola auf dem Schoß saßen wir im Bunkerzimmer und waren trotz allem in optimistischer Stimmung. Denn obwohl wir wegen des Schabbats keine Nachrichten hören konnten, wussten wir, dass die USA den Iran angegriffen und nun hoffentlich das Ende dieses Regimes begonnen hat.
Während des Vormittags mussten wir in 40-minütigen Abständen den Schutzraum laufen, aber am Nachmittag war es ruhig, so dass ich zur Synagoge gehen konnte.
Als der Schabbat gegen 18:30 Uhr zu Ende war, konnten wir endlich die Nachrichten lesen. Der Krieg gegen den Iran hatte begonnen. Neben Hoffnung auf eine bessere Zukunft, waren wir dennoch etwas beunruhigt, denn wir wussten, dass es ab jetzt Raketen auf uns regnen würde.
Fernunterricht und Hausarbeit
Mittlerweile ist mehr als eine Woche seit diesem ersten Raketenschabbat vergangen und der Beschuss ist deutlich zurückgegangen. Leider nicht so weit, dass die Schulen wieder geöffnet werden können und es sind mehr die Kinder, die den israelischen Familien zu Schaffen machen, als die Raketen aus dem Iran.
In den ersten Tagen des Krieges hatten die Kinder nichts zu tun und wir konnten sie auch nicht weit weg lassen, da sie jederzeit in der Lage sein müssen, schnell in den Schutzraum zu laufen. Freunde besuchen oder einladen ging ebenfalls nicht, da niemand die Verantwortung für andere Kinder übernehmen möchte.
Seit einigen Tagen versuchen die Schulen einen Fernunterricht zu organisieren, aber es gibt immer Probleme und die geduldigste Ehefrau von allen muss alle zwei Minuten technischen Kundendienst für die Telefone der Kinder spielen.

Ich versuche die drei Mädchen (9,10 und 12 Jahre alt) zumindest für Hausarbeit einzspannen. Sie müssen jetzt Geschirr spülen, staubsaugen und was sonst so zu Hause anfällt. Das erhöht unseren Stresslevel natürlich noch zusätzlich, da jedes Mal wenn Hausarbeit zu machen ist, ein kleiner Krieg geführt werden muss.
Wenigstens können wir in Bet Shemesh die meisten Nächte durchschlafen, anders als die Israelis im Norden, die noch zusätzlich von der Hisbollah beschossen werden. Die ersten Nächte, an denen wir mehrmals pro Nacht durch Sirenen geweckt wurden, waren sehr schwer für uns. Wir waren während des Tages sehr müde, aber konnten uns wegen Arbeit und Kindern nicht ausruhen.
Verteidigung in Echtzeit

Da der Iran sehr weit entfernt ist, hat Israel ein neues Warnsystem eingeführt, dass uns einen Alarm auf das Handy schickt, wenn eine Rakete auf dem Weg ist. Dann ertönt ein schrilles Warnsignal und man kann sich etwa 5 bis 10 Minuten auf die wirkliche Sirene vorbereiten, die vor einem kommenden Einschlag warnt.
Nicht immer, wenn wir einen Alarm auf dem Handy haben folgt eine Sirene, mittlerweile müssen wir seltener in den Schutzraum laufen, während wir weiterhin mehrmals täglich auf dem Handy vor Raketen gewarnt werden. Das ist natürlich super, aber leider passiert das auch in der Nacht und dann liegen wir angespannt im Bett und warten darauf, dass wir gleich lossprinten müssen.
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Gerade wurde ich beim Schreiben von einer Sirene unterbrochen und die vorsichtigste Ehefrau von allen und unser Teenager David sind in den Schutzraum gekommen, wo ich arbeite.

Die drei Mädchen waren kurz vorher unten vor dem Haus und hatten mich angerufen und gefragt, ob sie in den Park gehen könnten. Als verantwortungsbewusster Vater habe ich ihnen schweren Herzens verboten in den Park zu gehen, von wo sie nicht rechtzeitig in einen Schutzraum laufen könnten. Trotzdem waren sie nicht zu Hause, als die Sirene losheulte.
Ich machte mir Sorgen, dass sie trotz Verbot in den Park gegangen waren, aber die informierteste Ehefrau von allen beruhigte mich. Als der Alarm auch auf dem Telefon der Kinder losging, waren sie zu Freunden im Gebäude gegangen und hatten bei ihrer Mutter angerufen. So blieben sie während des Raketenalarms im Schutzraum der Nachbarn.
Jetzt sind wir alle zu Hause, machen Telefonunterricht und haben eine weiteren Raketenbeschuss überlebt. Der nächste kommt sicher bald, aber das gehört mittlerweile zum Rhythmus unseres Alltags.

