You Are My Soda Pop! Wenn Schabbat zur Tanzparty wird

Ich ging zur Taktik der israelischen Armee über und schnappte mir die Anführerin der Terrorgruppe.

Als unsere drei Mädchen noch klein waren und ihre Eltern brauchten, um zu spielen, auf Toilette zu gehen, sich anzuziehen und so viele andere kleine Dinge, wünschten wir uns, sie wären etwas älter, um sich selbst zu unterhalten. Das Familienleben in Israel und wahrscheinlich überall sonst, kommt jedoch immer anders als man geplant hat.

Nun ja, jetzt sind sie soweit und wir wünschen uns, sie wären noch etwas älter, um auch aus ihrer aktuellen Phase herauszuwachsen. Das wird wahrscheinlich so weitergehen, bis sie verheiratet sind und sich ihre Ehemänner um sie kümmern müssen.

Freunde machen Balagan

Aktuell haben unsere drei Mädchen (8, 9 und 11 Jahre alt) viele Freundinnen, mit denen sie spielen. Die fitteste Ehefrau von allen und ich müssen nicht mehr mit ihnen auf den Spielplatz gehen und sie können mit ihren Freunden alleine Zeit verbringen. Sehr gut soweit. Das Problem ist jedoch, dass aus irgendeinem Grund alle Freunde dauernd bei uns zu Hause herumhängen. Wir haben gerade zwei Monate Sommerferien hinter uns, befinden uns mitten in der Zeit der hohen Feiertage, an denen ebenfalls kaum zur Schule gegangen wird und es scheint uns, wir führen ein kleines Jugendzentrum in unserer kleinen Wohnung.

Am vergangenen Schabbat, als ich meinen wohlverdienten Schabbat-Schluff machte, wurde ich von merkwürdigen Gesängen geweckt.

„You are my Soda Pop! My Sooooooda Pop!”

Ich versuchte weiterzuschlafen und steckte mir meine Ohrstöpsel ein. Nach einigen Minuten begann jedoch das Haus zu wackeln und ich schreckte wieder aus meinem Schlaf aus Angst, wir wurden von einer Huthi-Rakete getroffen.

Ich nahm meine Ohrstöpsel heraus und hörte wieder die himmlischen Gesänge des Mädchenchors in unserem Wohnzimmer. Die Mädchen hatten angefangen zu ihrem Gesang zu tanzen, aber so wie mein Bett auf und ab hüpfte, schien es eher als wäre es eine Tanzgruppe aus Elefanten und Nilpferden. Auch der Gesang wurde immer mehr zum Geschrei. Ich hatte Angst.

Während mein Bett im Takt mithüpfte und schreckliche Schreie aus dem Wohnzimmer hallten, konnte ich natürlich nicht schlafen. Aber was sollte ich tun? Die Horde an hyperaktiven Mädchen konfrontieren?

Apokalypse im Wohnzimmer

Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und stapfte ins Wohnzimmer, wo mich ein schrecklicher Anblick erwartete. Fast 20 Mädchen schrien aus vollem Hals und hüpften auf unseren Sofas herum, während auf dem Boden alle Spielsachen, die wir je besessen hatten, ausgestreut herumlagen.

Die genervteste Ehefrau von allen saß auf einem Stuhl in der Ecke und warf mir einen Blick zu, der sagte, „Ich weiß nicht, ob ich wach bin, oder einen Alptraum habe, bitte befreie mich!“

Als Mann des Hauses musste ich jetzt Autorität zeigen und die Kinder disziplinieren, was nicht gerade meine Stärke ist.

„Hallo Kinder,“ sagte ich.

Niemand hörte mich. Ich versuchte es etwas lauter.

„Kinder!!!“

Einige Mädchen schauten mich an, aber reagierten ansonsten überhaupt nicht.

Ich ging zur Taktik der israelischen Armee über und schnappte mir die Anführerin der Terrorgruppe.

„Sarah, was ist hier los? Woher kommen die ganzen Kinder und warum schreit ihr so?“

„Unsere Freunde sind zu Besuch, wir spielen“.

„Das ist zu viel, ihr müsst hier raus, mein Kopf explodiert gleich. Geht in den Park, dort könnt ihr auch herumschreien“.

„Herumschreien? Also bitte Papa, wir über einen Tanz für Tehila ein, sie hat nächste Woche Bat-Mitzwa.“

„Ok, aber bitte draußen, ihr macht mich ganz verrückt“.

„Es ist so heiß draußen, können wir Eis mitnehmen?“

„Na gut.“

Sarah rief daraufhin alle Kinder zu sich, erklärte, dass alle ein Wassereis haben könnten und es draußen weitergehen würde. Plötzlich verwandelten sich alle zurück in kleine liebe Mädchen, standen ordentlich Schlange, um ein Wassereis zu bekommen und zogen schließlich ab.

Auf einmal war es ruhig im Haus, die traumatisierteste Ehefrau von allen sagte nur „gute Nacht“ und verzog sich ins Schlafzimmer. Ich saß nun alleine im Wohnzimmer, das aussah wie der Gazastreifen, nur in Rosa. Überall lagen Puppen und ihre Körperteile herum, zerstörte Lego-Gebäude, Essensreste und Pfützen einer roten Flüssigkeit, die jedoch kein Blut war, sondern Petel (Traubensaft für Kinder, der sehr süß und rot ist).

Ich wusste, dass der wahre Krieg beginnen würde, wenn unsere Mädchen wieder nach Hause kommen und alles aufräumen müssen. Bis dahin hatten wir jedoch noch etwas Ruhe und ich machte mir einen Kaffee, den ich mit Keksen trank, die halb angegessen in der Küche herumlagen.

Eine halbe Stunde saß ich da, genoss die Stille des Schabbat, bis die Tür aufflog und die Horde der Mädchen wieder hereinströmte.

„Sorry Papa, es ist so heiß draußen und wir haben unser Eis schon aufgegessen, wir halten es nicht mehr aus,“ sagte Sarah.

Ich antwortete nicht, zog nur meine Schuhe an und machte mich auf den Weg in die Synagoge, wo ich bis zum Ende des Schabbat bleiben würde. Die Mädchen würden mich hier nicht finden – dafür aber der Rabbiner, der jetzt glaubt, ich sei besonders fromm.

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Michael Selutin
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