Jedes Mal, wenn uns sein Waffenstillstand aufgezwungen wird, ärgern wir uns darüber, dass wir den Job nicht zu Ende bringen und unsere Feinde vollständig besiegen dürfen. Andererseits freuen wir uns, dass wir eine Pause im Krieg haben und für eine kurze Zeit ein relativ normales Leben führen können.
Denn Waffenruhe heißt bei uns nicht Frieden. Es heißt nur: wieder Fußball spielen, Sushi vergeigen und in der Synagoge über Fliegen im Milchshake diskutieren.
Fußball mit Engländern und Fliegen
Ich habe die Waffenruhe genutzt, um mit einer Gruppe von Engländern Fußball zu spielen. Ein Bekannter aus meiner Synagoge organisiert ein Spiel am Freitagmorgen, wenn die Kinder in der Schule sind und die Väter nicht arbeiten müssen. Die Gruppe nennt sich „Old Men´s Football“, aber ich glaube mit meinen 48 Jahren bin ich der Älteste dort.
Ich bin der einzige dort, der kein Fan von Arsenal oder Manchester ist. Von Hannover 96 haben die meisten meiner Mitspieler noch nie gehört. Früher war ich meist der einzige Jude unter meinen Bekannten in Deutschland und hier bin ich immer der einzige Deutsche. Manchmal muss ich mir Witze über die Deutschen anhören, aber dafür halten mich hier alle für pünktlich und zuverlässig.

Wie auch immer, am Freitag kamen nicht nur alte Männer zum Spielen heraus, sondern auch die Sonne, die uns bereits um 9:30 Uhr mit einer Hitzewelle von 27 Grad beglückte. Auch ein Schwarm von kleinen Fliegen hatte sich über dem Fußballplatz versammelt, was das Atmen noch schwieriger machte.
Nachdem wir eine Stunde in diesem Dschungelklima herumgekeucht waren, nahm ich zu Hause eine kalte Dusche und begann mit den Vorbereitungen für den Schabbat.
Sushi für Anfänger
An diesem Schabbat hatten wir etwas Besonderes vor, denn wir wollten zum ersten Mal selbst Sushi machen. Meine Kinder haben vor kurzem entdeckt, dass Sushi sehr gut schmeckt und haben es zu ihrem Lieblingsessen erklärt.
Als die jüngste Ehefrau von allen vor einigen Tagen Geburtstag hatte, habe ich uns Sushi bestellt und ein kleines Vermögen für eine Party-Platte ausgegeben. Da die Kinder nicht genug davon kriegen konnten, haben wir beschlossen, es ab jetzt selbst zu machen. Unsere große Sarah (12 Jahre alt) denkt sogar darüber nach, einen Sushi-Lieferservice zu gründen und damit viel Geld zu verdienen.

Wir stellten ein Tablett mit einem Video über die Zubereitung von Sushi in die Küche und begannen mit unserem Experiment. Sarah half mir, das Gemüse zu schneiden, die Blätter auszulegen und den Reis zu waschen, aber als ich den Essig über den Reis gießen wollte, war sie so sehr vom Geruch überwältigt, dass sie die Flucht ergriff. Ich weiß nicht, ob es nur eine Ausrede war, um der Arbeit zu entkommen, aber ich sah Sarah nicht mehr wieder, bis das Sushi fertig war.
Wenigstens konnte ich mich jetzt auf meine Arbeit konzentrieren, was auch dringend notwendig war, denn das Rollen der Sushis fiel mir nicht leicht. Der Reis ist wahrscheinlich nicht gut geworden, er war sehr klebrig und roch auch für mich zu stark nach Essig. Nach einigen gefühlten Stunden schwerer Arbeit waren einige Tupperdosen mit Sushi gefüllt und ich konnte mich für die Synagoge fertig machen.
War es essbar?
Als ich am Abend von der Synagoge nach Hause kam, wollten alle so schnell wie möglich die Sushi probieren. Sie hatten sie noch nicht gesehen und erwarteten schön gerollte Kunstwerke, wie sie es aus den Restaurants kennen, was mich leicht nervös machte.
Gut, dass der erste Gang eines Schabbatmahls aus Challa, Salaten, Humus und anderen Dips besteht, so dass die Familie nicht sehr hungrig war, als sie meine Sushis zu sehen bekam. Trotzdem, als ich die Tupperdosen mit den Röllchen auf den Tisch stellte, machten alle ein leicht enttäuschtes Gesicht. Aber sogar Naomi, die noch nicht vom Sushi-Virus befallen ist, war mutig genug, sie zu probieren.

Nach den ersten vorsichtigen Bissen, begannen die Kinder zu lächeln und sie versicherten mir, dass es besser schmeckte, als es aussah. Ich war erleichtert, aber ich muss zugeben, dass ich etwas zu viel Essig in den Reis gegeben hatte, was man deutlich spürte. Alle wurden jedoch satt und wir hatten noch zwei Tupperdosen übrig. Ein großer Erfolg!
Ich werde das sicherlich noch öfter machen. Es ist zwar viel Arbeit, aber eine gute Abwechslung von unserem üblichen Menü.
Fliegen im Milchshake
Am Schabbatmorgen ging ich zum Morgengebet in die Synagoge. Dort gab es beim Kiddusch wieder Fisch, jedoch nicht japanischen, sondern jüdischen Hering. Dazu gab es parve Cholent, also ohne Fleisch, sowie Kartoffelkugel und Whiskey.
Links von mir saß Daniel, mit dem ich am Freitag Fußball gespielt hatte und wir diskutierten über Insekten in Fruchtshakes. Mir macht es immer Spaß über jüdische Gesetze zu diskutieren, das regt das Gehirn an und man lernt etwas über Gott und die Welt. Hier also unsere halachische Diskussion (jetzt wird’s technisch):

Es ist Juden verboten Insekten zu essen, wie es heißt:
„Alles Getier, das auf der Erde kriecht, ist ein Greuel und darf nicht gegessen werden. Alles, was auf dem Bauch kriecht, samt allem, was auf vier und mehr Füßen läuft von allem Getier, das auf der Erde kriecht, das sollt ihr nicht essen, denn sie sind ein Greuel.” (3. Mose 11:41-42)
Leider sind Insekten oft in Obst und Gemüse zu finden und wir sind sehr vorsichtig, alles gut zu waschen und auch schon beim Anbau im Gewächshaus vor Insekten zu schützen. Es gibt jedoch ein Prinzip, das besagt, dass etwas in einer großen Menge (1:60) untergeht. Wenn also ein Tropfen Milch in einen Topf mit Hühnersuppe fällt und die Hühnersuppe mehr als 60-mal so groß ist, wie der Tropfen Milch, dann geht die Milch im Fleischgericht unter und zählt nicht und die Suppe bleibt koscher. Das gilt jedoch nicht, wenn der kleine Teil eine Einheit bildet, wenn also ein ganzes Würstchen in einen Milchtopf fällt, der 60 Mal größer ist, dann wird der gesamte Topf unkoscher.
Zurück zu den Milchshakes und Insekten. Wie jeder bibeltreue Jude weiß, sind zum Beispiel Erdbeeren voller Insekten, die kaum zu sehen sind. Da ein Insekt eine ganze Einheit bildet, geht es nicht im Milchshake unter und der gesamte Shake ist unkoscher. ABER da der Shake mit einem scharfen, rotierenden Messer hergestellt wird, kann man möglicherweise annehmen, dass die Insekten zerstört werden und keine ganze Einheit mehr bilden, was den Shake dann koscher machen würde.
Das ist eine Diskussion, die nicht nur in Synagogen stattfindet, sondern von verschiedenen Kaschrut-Organisationen unterschiedlich beantwortet wird. Das Koscher-Zertifikat, das sich Rabbanut nennt ist der Meinung, dass Insekten in Shakes zerstört werden, während das strengere Mehadrin-Zertifikat argumentiert, dass die Insekten zu klein sind, um von den Messern erfasst zu werden. Ihrer Meinung nach bleiben die Insekten unversehrt und machen den gesamten Shake unkoscher.
Das ist keine rein akademische Frage, denn es bedeutet, dass man bei der Herstellung von Shakes weitere Schritte beim Putzen der Früchte unternehmen muss.
Daniel beendete die Diskussion schließlich mit den Worten, „ich will nicht wissen, wie viele Fliegen ich gestern beim Fußball geschluckt habe!“ Ein guter Punkt, aber das macht die Milchshakes auch nicht koscher, eher den Fußball unkoscher.
Kein Geld, keine Probleme
Nach der Diskussion mit Daniel wandte ich meine Aufmerksamkeit meinem Teller zu, ich legte mir einige Stücke Hering auf einen Kräcker, stopfte ihn mir in den Mund und spülte das Ganze mit einem Shot Whiskey herunter.
Rechts von mir saß jemand, der neu in unserer Synagoge war und wir begannen zu plaudern. Er stellte sich als Jakob vor, aber da ich nicht gut im Small Talk bin, entstand bald eine unangenehme Pause.

Schließlich fragte ich ihn, was er beruflich macht, denn das gibt immer Stoff für eine Unterhaltung. Jakob erzählte mir von seiner erfolgreichen Firma und fragte, was ich mache.
„Ich bin deutscher Autor und Übersetzer,“ antwortete ich.
„Oh, interessant! Und was bedeutet das konkret?“ fragte er zurück.
„Konkret bedeutet das, dass ich pleite bin“, musste ich zugeben.
Jakob lachte, ich weinte. „Weißt du, ich kenne da einen Verleger…“ sagte Jakob zu mir, aber genau in diesem Moment wurde er von einem alten Freund erkannt, der ihn sofort in Beschlag nahm. Auch andere waren schon gegangen und ich saß plötzlich alleine am Tisch. Noch ein Schluck Whiskey und auch ich machte mich auf den Weg nach Hause, wo das nächste Schabbatmahl auf mich wartete.
Der Rest des Schabbats verlief ereignislos, was uns nach den langen Wochen Krieg sehr gut tat. Als wir nach dem Ausgang des Schabbat die Nachrichten lasen und sich seit dem Freitag nichts geändert hatte, spürten wir wieder diese mittlerweile bekannte enttäuschte Erleichterung. Einerseits war das Regime im Iran noch an der Macht, aber andererseits konnten wir unsere Kinder weiterhin zur Schule schicken. Und im Moment reicht uns das.

