Die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft fühlt sich sehr politisch an. Anders als die Olympiade, treten hier Länder gegeneinander an und als Israeli teile ich diese Länder automatisch in Freund und Feind ein. Das stimmt nicht ganz, denn ich teile sie eher in großer Feind und kleiner Feind ein, Freunde und neutrale Länder gibt es ja kaum.
Als zum Beispiel Kanada gegen Katar spielte, stand sich ein große Feind einem kleinen Feind gegenüber. Als Südafrika gegen Tschechien spielte, wurde ich zum Tschechien-Fan, da ich nichts über Antisemitismus in diesem Land weiß. Ich will lieber nicht nachgoogeln und ein weiteres Land in die Liste der Feinde aufnehmen.
Da vor kurzem ein neuer, angeblich israelfreundlicher Präsident in Kolumbien gewählt wurde, hat sich diese Mannschaft auf die kurze Liste unserer Freunde hochgearbeitet, während sich die USA in einem Schwebezustand zwischen Freund und Feind befindet.

Die israelfreundlichste Regierung aller WM-Teilnehmer hat wahrscheinlich Argentinien und ich würde mich freuen, wenn sie ihren Titel verteidigen können. Deutschland wird wahrscheinlich immer einen besonderen Platz in meinem Fußballherzen haben und es ist das einzige Land, bei dem ich zwischen Regierung und meinen Freunden dort unterscheide. Ich würde es den Menschen in Deutschland gönnen, gut bei der WM abzuschneiden.
Warum das wichtig ist
Meine politischen Gefühle über die WM verdeutlichen, wie einzigartig Israel in der Welt ist. Denn alle Länder haben eine Meinung zu Israel und man weiß, was sie über uns denken. Die UN zwingt ihre Mitglieder, Resolutionen über Israel zu diskutieren. Die Medien weltweit berichten ununterbrochen über unser kleines Land und wer religiös ist, wird sich früher oder später mit Israel und den Juden beschäftigen. Und wir Israelis sitzen vor dem Bildschirm und können auch bei der schönsten Nebensache der Welt unseren Krieg nicht vergessen.
Als religiöser Jude hoffe ich zudem immer, dass sich Gottes Versprechen an Abraham erfüllt: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ (1. Mose 12:3)
Im modernen Sprachgebrauch würde man diesen Vers als Karma beschreiben und er gilt für Fußball, genauso wie für alle anderen Bereiche im Leben der Völker. Allerdings ist das Karma auf Israels Seite und dementsprechend war meine Antwort „Baruch Haschem“, als ich gehört hatte, dass die Türkei aus der WM ausscheidet.
Ich zweifele nicht daran, dass Gott sein Versprechen einlöst, aber Er tut es nicht immer auf so offene Weise, wie bei dem türkischen Politiker, der im Parlament über Israel geflucht hatte und sofort darauf einen Herzinfarkt erlitt.
Aber wäre es nicht schön, wenn es immer so offensichtlich wäre und die Völker uns nicht verfluchen, sondern segnen würden und sich dadurch selbst segnen und die Welt zu einem Ort der Freundschaft und des Wohlstands würde?
Der Segen
Leider zeigt sich Gottes Segen nicht zuverlässig auf dem Fußballplatz. Wenn das so wäre, müsste die FIFA wahrscheinlich ihre Turnierordnung ändern und vor jedem Spiel erst die außenpolitische Haltung der Teilnehmer prüfen.
Aber vielleicht wirkt der Segen der Völker ohnehin meistens leiser. Nicht als Wunder, das vom Himmel fällt, sondern als Folge eines klaren Blicks auf die Wirklichkeit.
Denn Länder, die Israel fair behandeln, tun das selten zufällig. Meist sind es Länder, die noch unterscheiden können zwischen Demokratie und Terror, zwischen Selbstverteidigung und Vernichtungswillen, zwischen unangenehmen Wahrheiten und bequemer Ideologie. Und genau diese Fähigkeit macht Staaten auch in anderen Bereichen stärker.
Wer Israel hasst, hasst oft nicht nur Israel. Er hasst die Wirklichkeit, wie sie ist. Er hasst Grenzen, Verantwortung, Geschichte, Religion, nationale Identität und manchmal sogar den Gedanken, dass ein kleines Volk nicht bereit ist, sich abschaffen zu lassen, nur damit andere sich moralisch besser fühlen.

Der Segen liegt deshalb nicht darin, dass jedes israelfreundliche Land automatisch reich, friedlich und erfolgreich wird. Aber ein Land, das Israel nicht durch die Brille alter Vorurteile betrachtet, sondern durch Vernunft, Erfahrung und moralische Klarheit, hat bereits etwas verstanden, das ihm selbst hilft.
Argentinien ist dafür ein interessantes Beispiel. Präsident Milei hat sein Land nicht in ein Paradies verwandelt. Aber er steht für einen klaren Kurswechsel: weniger Ideologie, mehr Realitätssinn, eine offene Freundschaft zu Israel und der Versuch, ein wirtschaftlich schwer angeschlagenes Land wieder auf die Beine zu stellen.
Vielleicht ist genau das der natürliche Teil des Segens. Nicht Magie. Nicht Fußball-Karma. Sondern die schlichte Tatsache, dass Völker, die Israel segnen, oft auch jene Kräfte stärken, die ihnen selbst guttun: Wahrheit, Vernunft, Verantwortung und Mut zur Klarheit.
Gottes Versprechen an Abraham war nie nur ein frommer Trostvers für schwierige Zeiten. Es war auch eine Beschreibung der Wirklichkeit: Wer Israel segnet, stellt sich auf die Seite eines Plans, der größer ist als Politik, größer als UN-Resolutionen und ganz sicher größer als eine Fußball-Weltmeisterschaft.
Deshalb schaue ich diese WM nicht nur als Fußballfan. Ich schaue sie als Jude, der bei jedem Spiel unwillkürlich fragt, welches Land verstanden hat, dass der Segen Israels kein Detail der Geschichte ist, sondern einer ihrer roten Fäden.
Das macht Fußball nicht unbedingt entspannter.
Aber es erklärt, warum ich bei manchen Spielen nicht nur auf Tore hoffe, sondern auch auf ein bisschen göttliche Pädagogik.

